Die Last der Lust

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06.06.2009

In unserer Gesellschaft werden erotische Abenteuer zum Maß für Lebensfreude und Attraktivität stilisiert. Für einige Menschen aber ist die ständige Suche nach Sex äußerst zerstörerisch.

Sexsucht ist ein diffuser Begriff: Ist jemand schon sexsüchtig und krank, weil er mehrmals am Tag Lust auf Sex hat? Das sicher nicht. Wenn aber das soziale Leben aufgrund des ständigen Verlangens beeinträchtigt wird, spricht man von Sexsucht. "Fallen Beruf, Partnerschaft oder Freundschaften der unkontrollierten sexuellen Gier zum Opfer, ist der Mensch krank", sagt dazu stern.de, während Christian Schulte-Cloos das "außer Kontrolle geratene Verhalten, das einhergeht mit [...] Besessenheit, Machtlosigkeit und die Benutzung von Sex als Schmerzmittel" als Sexsucht bezeichnet.

Schlecht und nutzlos

Wie stark Sex das Leben von Betroffenen bestimmt und unter welchen Folgen, sowohl sozialen als auch finanziellen, sie leiden, zeigen zwei Reportagen. Stern.de stellt einen Mann vor, der aufgrund seiner Sexsucht suizidgefährdet ist - keine Seltenheit unter Betroffenen. Mehrmals täglich habe er Sex bis zur totalen Enkträftung, komme nicht an Rotlichtvierteln vorbei und bezahle etwa 500 Euro monatlich für Prostituierte. Seine Stromrechnung könne er oft nicht zahlen. Nach dem Sex fühle er sich immer schlecht und nutzlos.

Scham, Depressionen, Schuld- und gesteigerte Angstgefühle seien typische Symptome bei Sexsüchtigen. Die negativen Gefühle werden wiederum mit Sex verdrängt. Ein Teufelskreis, der oft in Bordelle, noch häufiger aber zu einsamer Masturbation und Pornografie führe. Betroffene, die sich selbst zu heilen versuchen und abstinent bleiben, berichten von Entzugserscheinungen.

Keine gängige Diagnose

Typische Suchtsymptome also - dennoch erkennen Ärzte und Krankenkassen in Deutschland Hypersexualität nicht als Krankheit an. Die Diagnose Sexsucht gebe es offiziell nicht. So seien Therapeuten oft gezwungen, auf einen Trick zurückzugreifen: Der auf stern.de vorgestellte Betroffene habe seine Therapie deshalb unter der Deckdiagnose Borderline-Syndrom und depressiver Verstimmung begonnen.

Auch faz.net stellt einen betroffenen Mann - es leiden wesentlich mehr Männer als Frauen unter Sexsucht - vor. Ihn verschlage es ebenfalls ständig in die Rotlichtviertel. Eine weitere Gemeinsamkeit: Die Sucht begann mit den ersten Pornoheften im Jugendalter. Experten suchen die Ursache der Hypersexualität in prägenden sexuellen Erlebnissen in der Kindheit. Gründe seien Missbrauch, frühe sexuelle Reize oder die Erfahrung, mit Sex dem Alltag entfliehen zu können. Beziehungs- und Bindungsstörungen seien eine Voraussetzungen für die Sucht.

Normale Beziehungen sind kaum möglich

In seinem Falle waren vollkommene Kraftlosigkeit und Erschöpfung die Folge der ständigen zwanghaften Jagd nach schnellem Sex. Auch leide er unter Ersatzsüchten, versuche, sich mit Alkohol und Zigaretten zu betäuben. Eine normale Beziehungen ist unter den Bedingungen kaum möglich - und dennoch das, was sich viele Sexsüchtige am meisten wünschen.

Dass Sexsucht in Deutschland nicht als Krankheit anerkannt wird, verwundert nicht zuletzt deshalb, weil Experten das veränderte Sexualverhalten hierzulande mit Sorge betrachten: Vor nicht allzu langer Zeit erhitzte die Porno-Debatte die Gemüter: Kinder, insbesondere aus sozial schwachen Verhältnissen, kommen immer früher mit Pornografie in Berührung und seien oft nicht mehr in der Lage, liebevolle Beziehungen aufzubauen, so die Argumentation.

Hilfe für Betroffene

In den USA gebe es Wikipedia zufolge Kliniken, die sich offiziell auf die Störung spezialisiert haben. In Deutschland bieten immerhin einige Selbsthilfegruppen, zum Beispiel die Anonymen Sex- und Liebessüchtigen (englisch: Sex and Love Addicts Anonymous, S.L.A.A.), Wege aus der Sucht.

(sh)
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