Der Spion-Buchtipp: Kirsten Fuchs "Heile, heile"

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Cover von "Heile, heile"
16.07.2008

Kirsten Fuchs, Kolumnistin der Zeitschrift DAS MAGAZIN ist für ihre witzigen, lebensnahen Texte über Beziehungen bekannt. Auch ihr zweiter Roman "Heile, heile" vereint aus dem Leben Gegriffenes mit allerhand Absurdem im typisch Fuchs'schen Sprachfeuerwerk.

Die große Liebe ist weg, dafür sind die Freundinnen da - in erster Linie ist Kirsten Fuchs' Roman ein Loblied auf die Freundschaft. So ist Hauptfigur Rebekka mit ihrer Trauer über die selbstverschuldete Trennung von Adrian nicht allein gelassen. Die dickliche Reiseverkehrsfrau hatte ihn mit ihrem Ex betrogen, woraufhin Adrian zutiefst enttäuscht aus der gemeinsamen Wohnung auszog. Nach langem Kämpfen sehen die beiden sich wieder regelmäßig, aber mehr als Sex will Adrian nicht mehr zulassen. Gut, dass Rebekka einen großen Freundeskreis hat und sich ablenken kann.

Selbsthilfegruppe "Männerentzug"

Zwei Freundinnen stehen ihr besonders nah, nämlich zum einen Busenfreundin Jette, die Rebekka schon seit der Schule kennt, zum anderen Johanna, die zwar immer eine große Klappe, aber in Sachen Männer kein glückliches Händchen hat. Johanna ist gewissermaßen Rebekkas Leidensgenossin, denn schon viel zu lange trifft sie sich regelmäßig mit Lars, einem verheirateten Mann. Für spontane Dates mit Lars lässt Johanna auch die Treffen mit Rebekka sausen. "Lars hier, Lars da, Lars mich in Ruhe damit", denkt dann Rebekka.

Schlussendlich erkennen beide Frauen, dass sie sich völlig von Männern abhängig gemacht haben und beschließen, dem Spuk ein Ende zu bereiten. Eine dubiose Selbsthilfegruppe soll den Freundinnen das Loskommen erleichtern. Mit allen gängigen Klischees malt Autorin Kirsten Fuchs den absurden Kurs aus. In der Gruppe »Männerentzug« gibt es feste Regeln: Reden darf nur, wer den Redesack hat, und wenn jemand dennoch spricht oder eben das Falsche sagt, kommt eine Hupe zum Einsatz. Darüber hinaus müssen Hausaufgaben gemacht werden, und die teilnehmenden Frauen dürfen den betreffenden Mann nie beim Namen nennen, sondern grundsätzlich nur von "Karl" sprechen.

Mit der aufgedrehten Johanna erlebt Rebekka das Selbsthilfegruppen-Abenteuer, in dem Gruppenleiterin Vera von allen Frauen die größten Probleme hat. Statt sich Veras sektenartigen Schwachsinn anzuhören, möchte Johanna lieber mit Rebekka "einen saufen gehen". "Johanna ist 'ne Marke", heißt es liebevoll über die redselige, temperamentvolle Freundin.

Bridget Jones und Rebekka Meiler

Eine Marke ist auch Jette, doch hat sie weiß Gott schlimmere Probleme als einen "Karl". Seit Jahren leidet die hübsche Frau an Krebs. Ebenso hartnäckig wie die Krankheit ist aber Jettes Optimismus. Von Chemo zu Chemo, von Krankenhaus zu Krankenhaus kämpft die tapfere Jette an der Seite ihres Ehemannes und ihrer Tochter gegen den Krebs an.

Als ihr Zustand sich dramatisch verschlechtert, werden Rebekkas eigene Sorgen immer kleiner. Genau hier verliert die Figur Rebekka auch die Bridget-Jones-Haftigkeit, die über weite Strecken im Buch an ihr klebt. Bis hierhin ist Rebekka nämlich eine über 30-jährige Singlefrau, die mit schlechtem Gewissen Süßes isst, die in der Schule von den Jungs gehänselt und mit Stullen beworfen wurde, und die allzu häufig am Telefon hängt, um mit ihren Freunden über Belangloses zu sprechen.

Witzig, witzig

Klar, dass Bridget Jones alias Rebekka Meiler nicht gerade gnädig zu sich selbst ist, und natürlich bieten sich der sprachgewandten Autorin aus dieser Situation heraus einige Steilvorlagen: Mit ihrem Ex-Freund Hannes zum Beispiel sei Rebekka so lange zusammengeblieben, weil sie glaubte, dass sie sowieso keinen Besseren abbekommen hätte. Denn: "Mit einem dicken Arsch ist relativ schnell Ende der Fahnenstange. Rebekka klammerte sich zufrieden an Hannes. Sie wollte sich nicht wegwehen lassen, aber unten an der Fahnenstange war auch kein Wind." Wer sich an solchen Metaphern ergötzen kann, der wird viel Spaß mit diesem Roman haben - Kirsten Fuchs wäre nicht Kirsten Fuchs, wenn sie derlei sprachliche Bilder nicht im Überfluss anzubieten hätte.

Die Autorin nutzt ihre sprachlichen Möglichkeiten exzessiv, sie lässt kaum jemals eine Gelegenheit aus. Das geschieht nicht immer auf demselben Niveau. Wortwiederholungen bringt sie in "Heile, heile" häufig zum Einsatz - da ist der Kaffee bitter bitter, die Trennung schrecklich schrecklich, und die hektische Johanna ist am Telefon so loslos. Wird die rundliche Rebekka gefragt, ob sie schwanger ist, heißt es "Aua aua" Das tut vielleicht auch manchem Leser weh - konsequent und mutig baut Fuchs auf die oft infantil klingenden Aussprüche.

Das Unbeschreibliche beschreiben

Doch die Autorin vermag Empfindungen und Eindrücke auch dann zu umschreiben, wenn diese eben nicht zugunsten des Humors gehen. Oft bekommt sie auf der Arbeit im Reisebüro Besuch von Herrn Bastian, dem Buchhalter. Nachdem Herr Bastian eines Tages vom Tod seiner geliebten Frau gesprochen hat, erhebt er sich, "um seine Stullen zu holen, etwas zu kauen und dann zu schlucken". Fuchs findet Worte, mit denen sich das Unbeschreibliche beschreiben lässt. Genau das gelingt ihr auch mit den Sätzen "Rebekka war seit den Scheidungsschreieren mit einem sozialen Hundegehör ausgestattet. Sie hörte alles zehnmal so heftig."

So ist es vor allem ihre sprachliche Flexibilität, mit der Kirsten Fuchs es immer wieder schafft, den humorvollen Frauenroman mit den tiefgründigen Gedanken über die Liebe, die Freundschaft, das Leben und den Tod in Einklang zu bringen.

Kirsten Fuchs "Heile, heile." Roman. (Rowohlt, 2008).

(sh)
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